Konzentration
Die verflixten Gedichte
Von Gabriele Wunderlich
Die meisten Kinder fühlen sich von Gedichten stark angesprochen.
Häufig jedoch nur dann, wenn sie vorgelesen oder von anderen
vorgetragen werden. Das hat gute Gründe, denn sie erleben Gedichte
auf unterschiedliche Weise: In der Familie bedeutet Gedichteaufsagen,
jemandem eine Freude machen zu wollen, ihn zu ehren, ihm für
etwas zu danken. An Geburtstagen, in der Weihnachtszeit oder zu
Familienfeiern dürfen die Kinder in der Regel selbst bestimmen,
ob sie etwas und was sie vortragen möchten.
In der Schule ist das etwas anderes. Werden im Deutschunterricht
Gedichte vorgetragen, so sind die Texte häufig vorgegeben,
der Vortrag wird benotet. Viele Kinder haben Angst, im Text steckenzubleiben,
an der falschen Stelle zu betonen und deshalb von Mitschülerinnen
und Mitschülern ausgelacht zu werden. Manche fühlen sich
bereits unwohl bei dem Gedanken, ganz allein vor der Klasse zu sprechen.
Wenn Ihr Kind so den Gefallen an Gedichten verliert oder gar nicht
erst findet, können Sie ihm beim Auswendiglernen helfen: Bitten
Sie Ihr Kind zunächst einmal, das Gedicht leise zu lesen. Damit
wird ihm Gelegenheit gegeben, sich in seinem eigenen Tempo und auf
ganz persönliche Weise damit auseinanderzusetzen.
Unterhalten Sie sich danach mit Ihrem Kind über das, was Sie
dem Text entnehmen. Ganz wichtig: Das Kind sollte nicht nacherzählen
müssen. Durch die Auseinandersetzung mit der Handlung wird
die Fantasie des Kindes angeregt. So entstehen in seinem Kopf ldeen,
die ihm später beim Auswendiglernen helfen und die es sich
beim Steckenbleiben zu Hilfe rufen kann.
Und wenn es dann ans Auswendiglernen geht, kann das sture Pauken
aufgelockert werden. Bringen Sie körperliche und geistige Bewegung
zusammen: Die letzte betonte Silbe jeder Zeile kann Ihr Kind beim
Sprechen durch eine Bewegung hervorheben. Es kann etwa in die Hocke
gehen, in die Hände klatschen, Schwünge in der Luft machen
oder Ihnen einen Ball zuwerfen. Die Bewegung lockert nicht nur Gesicht
und Körper, es prägen sich dadurch auch die jeweiligen
Wörter besser ein.
Auch das rhythmische Sprechen mit überdeutlicher Betonung
und vielleicht begleitendem Klatschen hilft, sich den Text einzuprägen.
Eine weitere Merkhilfe: Vielleicht hat Ihr Kind Lust, zum Text
ein Bild zu malen. Falls Ihr Kind gerne bastelt, könnte es
Figuren gestalten, die zum Gedicht passen. Bilder, die zunächst
im Kopf, dann auf dem Papier entstanden sind, erleichtern das Lernen.
Mehrere Kinder können die Handlung des Gedichtes nachspielen.
Auch das hilft, sich einen Text einzuprägen.
Grundsätzlich gilt: Überlassen Sie lhrem Kind, wenn es
möglich ist, die Auswahl des Gedichtes, das es lernen möchte.
Nehmen Sie sich gemeinsam viel Zeit für die Vorbereitung. Es
lohnt sich, denn dann lernt es sich später um so schneller.
© Der Kleine Verlag
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