Konzentration
"Ich hab vergessen, wie das geht"
Von Gabriele Wunderlich
Kathrin gehört zu den Schülern, für die Hausaufgaben
zwar ein notwendiges Übel, aber kein Problem sind. Wenn sie
mittags nach Hause kommt, packt sie häufig schon vor dem Essen
ihre Schulsachen aus und beginnt mit der Arbeit. Die Mutter schaut
dann nur noch einmal nach, ob sie auch sauber geschrieben hat.
In letzter Zeit kommt es aber immer häufiger vor, daß
Kathrin um Hilfe bittet, weil sie die Aufgaben in Mathematik nicht
ganz verstanden hat. Will die Mutter im Lehrbuch nachschauen, so
wehrt Kathrin ab: »Da steht das ganz anders. So machen wir
das nicht in der Schule.« Nicht selten fließen bei derartigen
Gesprächen dicke Kullertränen, weil Mutter und Tochter
nicht weiter wissen.
Wie will man auch einem Kind helfen, das steif und fest behauptet,
dass in der Schule ganz anders gerechnet wird, aber nicht mehr weiß,
wie?
Oft hilft ein Telefonat mit einem Klassenkameraden, aber nicht
immer haben Kathrins Freunde besser aufgepasst als sie. So geht
das Mädchen wieder einmal mit halben Hausaufgaben und der Mahnung,
doch besser aufzupassen, am nächsten Morgen in die Schule.
Für Kathrins Eltern aber stellt sich langsam die Frage, worin
die Ursache für diese Schwierigkeiten liegt. Ist ihr Kind ganz
einfach nicht mehr konzentriert bei der Sache? Und stimmt es tatsächlich,
dass die Lehrerin nicht nach dem Buch vorgeht?
Kathrin ist kein Einzelfall, Es kommt durchaus vor, dass Lehrer
von den im Lehrbuch vorgeschlagenen Methoden abweichen, und das
ist auch durchaus legitim. Man kann auch nicht erwarten, daß
Eltern von jeder Abweichung im Lehrbuch in Kenntnis gesetzt werden.
Es ist auch verständlich, dass es Lehrern nicht immer auf Anhieb
gelingt, eine neue Rechenart so einzuführen, dass es von allen
Schülern sofort verstanden wird.
Hier gilt es, wie so häufig, zunächst einmal Ruhe zu
bewahren. Ständige Ermahnungen der Eltern, doch besser aufzupassen,
würden ein Kind nur unsicher machen. Es könnte aber mit
der Lehrkraft abgesprochen werden, dass Kathrin in solchen Fällen
entweder gar keine Hausaufgaben macht und am nächsten Morgen
noch einmal nachfragen darf, oder aber soweit rechnet wie sie es
verstanden hat. Meistens ist das Problem damit bereits gelöst,
denn die betreffenden Schüler gehen nun wieder angstfrei ans
Lernen und verstehen plötzlich auch wieder alles.
Es ist jedoch auch durchaus denkbar, dass diese Lehrerin nicht
immer den rechten Zugang zu den Kindern findet. Jedes Kind lernt
schließlich anders, empfängt auf einem Sinneskanal, der
vielleicht nicht ausreichend angesprochen wurde. Wenn das der Fall
ist, sollte man sich mit der Lehrerin zusammensetzen und gemeinsam
nach Wegen suchen.
Lehrer sind dankbar für Hinweise von Eltern, die Ihnen zeigen,
wo die Sache nicht so richtig läuft. Es hilft niemandem,wenn
es zu Hause ständig Tränen gibt und Eltern versuchen,
vermeintliche Leistungsschwächen durch krampfhaftes Üben
in den Griff zu bekommen.
© Der Kleine Verlag
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