Lesen
& Schreiben
Spaß am Schreiben
Von Gabriele Wunderlich
Erinnern Sie sich noch an die ersten »Botschaften«,
die Sie von Ihrem Kind bekamen? Zuerst waren es Kritzelbilder, oft
auf winzigkleinen Zettelchen, mit denen das Kind zu Ihnen kam: »Guck
mal, das bist du und das bin ich und ich schenke dir gerade eine
Blume!« Dann, kurz nach Schuleintritt, die ersten ausformulierten
Briefchen: »Für Mama fon Paul und das ist ein FogI«.
Die Freude an Botschaften ist von klein auf vorhanden - doch irgendwann
gibt es für viele Kinder einen Zeitpunkt, an dem sie das Schreiben
nur als lästige Pflicht erleben. Eine Postkarte vom Ferienort?
Am letzten Ferientag schnell und lieblos hingekritzelt. Ein schriftliches
»Dankeschön« an die Großeltern für das
Weihnachtsgeschenk? Nur widerwillig und nach vier Ermahnungen. Woran
mag das liegen?
Eine Erklärung dafür ist sicher, dass das Schreiben nach
der ersten Lernbegeisterung mit Schule und Leistung gleichgesetzt
wird. Diktate, Aufsätze, Hausaufgaben... Es ist verständlich,
dass das Kind in seiner Freizeit andere Aufgaben und Beschäftigungen
sucht als die, die ihm im Unterricht begegnen. Auch der beste, fortschrittlichste
Unterricht kann nur eine »künstliche« Lernwelt
bieten. Fehlerfreiheit, Form und Inhalt sind die Kriterien, auf
die es in der Schule meist ankommt.
Zu Hause gilt ausschließlich: Schreiben soll Spaß machen.
Ob im Brief an die Freundin oder den Freund, ob in einer kleinen
Nachricht an ein Familienmitglied - übersehen Sie kleine Rechtschreibfehler
und die vielleicht nicht sehr akkurate Form. Hier darf das Schreiben
für Ihr Kind Privatsache sein.
Sollten Sie Schwierigkeiten haben, gelassen über die kleinen
schriftlichen Unzulänglichkeiten hinwegzusehen, machen Sie
sich folgendes klar: Die Übung und der Spaß an der Sache
sind letztlich auch für die Schule förderlich.
Was aber, wenn das Kind schlicht zu träge ist, irgendetwas
zu Papier zu bringen? Auch das gibt es. Dann fehlt - vielleicht
- nur die Motivation. Ein paar Ideen, wer vielleicht auf Post warten
könnte, sind oft hilfreich. Es soll sogar Familien geben, die
sich gegenseitig mit Briefen Freude machen: Von Papas oder Mamas
Arbeitsplatz nach Haus und in umgekehrter Richtung, oder von zu
Haus in den Briefkasten und wieder nach Hause - der Empfänger
freut sich garantiert.
Wer einen Brief schreibt, schenkt dem Empfänger Zeit und Aufmerksamkeit.
Über ein solches Geschenk darf man sich freuen, auch wenn es
nicht perfekt ist.
© Der Kleine Verlag
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