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Voll am Interesse vorbei

Von Gabriele Wunderlich

»Ein Obstbauer hat 52 Apfelbäume, 46 hat er abgeerntet. Wie viele muß er noch abernten?» Eine typische Sachaufgabe im Fach Mathematik. Kein Wunder, dass solche Aufgaben für Kinder ein rotes Tuch sind, gehen sie doch völlig an Interesse und Lebenswirklichkeit der Kinder vorbei!

Anliegen der Sachaufgaben ist es, dass die Kinder lernen, aus konstruierten Sachverhalten mathematische Fragestellungen herauszuschälen. Dabei sollen sie Wesentliches vom Unwesentlichen trennen, den Kern des Ganzen erkennen und bearbeiten. Durch solche Aufgaben sollen die Kinder befähigt werden, mathematische Fragestellungen in ihre Lebenswirklichkeit zu übertragen.

Was aber schert es einen Siebenjährigen, wenn gefragt wird, wie viele Rosen der Gärtner zu einem Strauß bindet und daß jede Rose 2,50 Mark kostet? Es interessiert auch kaum ein Kind, wie viele Becher Sahne in einem Regal stehen und wie viele Obstbäume in Nachbars Garten blühen. Ist es bei derartigen Sachverhalten verwunderlich, dass Kinder abblocken und sich weigern, sich mit solchen Inhalten auseinanderzuetzen? Sie sehen den Sinn der Fragestellung nicht ein und können sich deshalb nur schwer mit dem mathematischen Inhalt beschäftigen.

Hinzu kommt, dass es für schlechte Leser (die jedoch nicht selten gut rechnen können!) zuweilen schier unmöglich ist, die komplizierten Schachtelsätze mancher Aufgaben sinnhaft zu erfassen. Sie beschäftigen sich also erst gar nicht mit dem Text, weil ihnen die mangelnde Lesefertigkeit im Wege steht.

Das bedeutet: Es liegt an der Art der Texte und nicht an der Begriffsstutzigkeit der Kinder, wenn sich in den Köpfen Blockaden gegenüber derartigen Aufgabenstellungen aufbauen.

Wie können Sachaufgaben beschaffen sein, die Kindern Spaß machen?

Die Texte sollten spannend und lustig sein und die Kinder locker an das Problem herangehen lassen.
Die Kinder können zu den Aufgaben malen und sie nachspielen, um so ein Verständnis für die Sachlage zu gewinnen.
Sie erzählen den Inhalt eines Textes zuerst einmal mit eigenen Worten nach, bevor sie anfangen zu rechnen.

Es lohnt sich im Interesse der Kinder, den Umgang mit Sachaufgaben als Diskussionspunkt beim nächsten Elternabend vorzuschlagen, denn zu diesem Thema gibt es meist zahlreiche »Leidensgenossen«. Sollte jedoch dieser Versuch scheitern, so haben Sie immer noch die Chance, das Image von Sachaufgaben auf eigene Faust aufzuwerten und Texte anzubieten, die den Kindern deutlich machen:

Eigentlich sind Sachaufgaben gar nicht schwierig! So berichtete mir kürzlich eine Bekannte, ihre vierjährige Tochter habe in meinem Mathematikbuch für die erste Klasse herumgeblättert und die »Rechengeschichten« entdeckt. Seitdem müsse die Mutter ihr abends statt der Gutenachtgeschichte eine dieser Sachaufgaben vorlesen...
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