Rechnen
Übung allein macht noch lange keinen Meister
Von Ute Krebs
Kein Kind ist perfekt. Zum Glück. Immer wieder beobachten
Eltern, dass ihre Kinder in bestimmten Bereichen Defizite haben:
Ob bei den täglichen Hausaufgaben oder wenn die Familie ein
Gesellschaftsspiel spielt, ob beim Lesen lernen oder beim Erkennen
und Benennen von Mengen, beim Addieren oder Subtrahieren von Zahlen.
Mütter und Väter, die Wissens- oder Verständnislücken
feststellen, nehmen sich meisten vor: Wir müssen mehr üben.
Sie vermuten, dass es an mangelndem Training liegt, wenn es hier
und da hapert.
Diese Vorgehensweise ist jedoch nicht immer angebracht. Zugegeben,
es gibt Lembereiche, in denen gar nicht genug geübt werden
kann - das Einmaleins beispielsweise. Generell jedoch macht üben
nur dann Sinn, wenn das Kind das Lernproblem bereits erfasst hat.
Am Beispiel des kleinen Einmaleins bedeutet das: Es muss zunächst
einmal den Sinn dieser Rechenart verstanden haben (Vereinfachung
der Addition bei gleichen Zahlen>, dann folgt der Aufbau der
Einmaleinsreihen und erst dann die Phase, in der die Aufgaben immer
wieder gerechnet werden sollten. Die Übungsphase sollte also
immer erst dann einsetzen, wenn alle Fragen und möglichen Probleme
zum jeweiligen Thema geklärt sind.
Viele Kinder täuschen durch auswendig gelernte Übungen
über erstaunlich lange Zeit Eltern und Lehrern ein Wissen vor,
das noch gar nicht abgesichert ist. So speichern sie Lesetexte im
Gedächtnis, um nicht zugeben zu müssen: Das kann ich nicht
lesen. Wer eine Zeitlang immer wieder mit derartigen Tricks durchkommt,
verliert irgendwann völlig den Anschluss: Wenn etwas, was Grundlage
für den nächsten Lernstoff ist, bereits nicht verstanden
wurde, kann das darauf Aufbauende erst recht nicht mehr nachvollzogen
werden. Außerdem bedeutet das ständige Frustration, weil
Schule und Elternhaus Leistungen fordern, die das Kind nicht erbringen
kann.
Deshalb mein Rat: Beobachten Sie Ihr Kind genau, bevor Sie in bester
Absicht durch Übungen nachhelfen wollen. Teilen Sie Ihre Beobachtungen
der Lehrerin mit. Fragen Sie nach, ob Ihr Kind auch in der Schule
in ähnlichen Situationen Schwierigkeiten hat. Bedenken Sie:
In Schulklassen sitzen häufig bis zu 28 Kinder. Nicht immer
kann die Lehrerin jedes einzelne Kind lange genug beobachten, um
Unsicherheiten oder Verständnislücken rechtzeitig festzustellen.
Sollten Sie also bemerken, dass Ihr Kind immer wieder an mathematischen
Problemen oder Stolpersteinen in der Rechtschreibung scheitert,
so gehen der Sache auf den Grund. Sie können Ihrem Kind nur
wirksam helfen, wenn Sie nicht den zweiten Schritt vor dem ersten
tun.
© Der Kleine Verlag
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